Festrede zur 100-Jahrfeier unseres Bootshauses am 4. Juli 2015


Dr. Kurt Wernicke (unter Verwendung von Zuarbeiten von Inka Herrmann, Michael Nagel, Werner Philipp, Dieter Wendt)

 

Ob Berlin – wie es hierzulande gern behauptet wird – die Wiege des deutschen Wassersports sei, ist vielleicht doch diskutabel: die Stralauer „Tavernengesellschaft", die bis auf 1835 zurückgeht, kann man nicht als einen Sportverein im heutigen Sinne (mit geregeltem sportlichen Leben, das Ausbildung und Wettbewerb einschließt) verstehen – aber ein Vereinsleben mit gemeinsamen Veranstaltungen gab es immerhin. Und so kann man feststellen, dass es vor dem ersten deutschen Segelverein – dem Segelclub „Rhe" in Königsberg/Ostpreußen, der 1855 gegründet wurde – schon über zwei Jahrzehnte Berliner Segelenthusiasten gab, die sich mit fahrbaren Untersätzen und Leinwandflächen auf dem Rummelsburger See tummelten. Dann, im Oktober/November 1867, wurden fast zeitgleich an Unterhavel und Oberspree erste Berliner Segelclubs gegründet: im Westen – in Pichelsdorf – der Verein der Segler der Unterhavel, in Osten – in Stralau – der Berliner Segler-Club /BSC/.  Rudervereine auf deutschem Boden gab es seit 1836 (Hamburger Ruder-Club), und drei Jahrzehnte später zählte Hamburg an Elbe und Alster schon mindestens fünf Vereine, die das sportliche Rudern pflegten. Hier zog Berlin erst am 1. September 1876 mit dem Berliner Ruder-Verein nach.

1878 begann ab Spätsommer jenes Jahres die wettkampfmäßige Aktivität im Berliner Rudersport. Eine Ruderergesellschaft, die sich privat in ein Boot teilte, forderte die Ruderer im Umfeld des Spindlersfelder Unternehmers Karl Spindler zu einem Wettkampf heraus, der am 2. September 1878 zwischen den Gaststätten „Ostend" (an der heutigen Ostendstraße) und „Sadowa" (heute das Mellowpark-Domizil, An der Wuhlheide 250-256) über 1 500 Meter ablief. Spindlers Mannen siegten; aber schon stand der Berliner Ruder-Verein auf der Matte und forderte nun sein Wettrudern. Das fand eine Woche später statt und sah wieder die Spindlersfelder siegreich, die sich daraufhin am 12. September 1878 als Spindlersfelder Ruderverein institutionalisierten. Die am 2. September unterlegenen Vergnügungsruderer hatten schon am Abend ihrer Niederlage sich als Ruder-Gesellschaft „Borussia" konstituiert.

Diese drei Vereine – verstärkt durch die Berliner Rudergesellschaft „Neptun“, den Grünauer Segler- und Ruderverein und etliche Privatkonkurrenten – bestritten am 27. Juni 1880 auf dem Langen See auf der Höhe der heutigen „Regattastrecke" eine erste Regatta.  Am 11. September 1881 fand dann am selben Ort der erste Ruder-Städtevergleichskampf in Deutschland statt, bei dem zwei Berliner Vereine mit Ruderern aus Stettin und Dresden wetteiferten. Der BRV aus Berlin gewann – natürlich. Davon motiviert, initiierte der Ruder- und Segelfan Georg Büxenstein (1857-1924), ein erfolgreicher Berliner Unternehmer auf polygraphischem Gebiet, zehn Tage nach dem Städtevergleich den Berliner Regatta-Verein. Der machte es sich zur Aufgabe, in Berlin den Ruder- und Segelsport zu fördern, die Stadt zu einem Mittelpunkt von nationalen und internationalen Regatten zu erheben und die vielen Binnengewässer in unmittelbarer Nähe der Reichshauptstadt dafür nutzbar zu machen. Seine erste Veranstaltung in diesem Sinne, eine weitere Ruderregatta am 23. Juli 1882, sah bereits acht Vereine mit 32 Booten am Start. So beflügelt, schickte der Regatta-Verein sich an, die Grünauer Ruderregatta in den Rang einer traditionellen Veranstaltung zu heben, die als „gesellschaftliches Ereignis" fungieren sollte: er erreichte nach einigen Querelen, dass der Kaiser für den 1883 anstehenden Wettkampf einen Wanderpreis für den siegreichen „Senioren-Vierer mit Steuermann" stiftete.

Dieser KAISERPOKAL wurde kontinuierlich vom BRC von 1880  (einer Abspaltung vom BRV) Jahr für Jahr  errungen. Nachdem er 1887 zum drittenmal vom BRC erkämpft worden war, ging er endgültig in dessen Besitz über und Kaiser Friedrich III. musste während seiner kurzen Regierungszeit 1888 notgedrungen einen neuen stiften. Beide Ehrenpreise sind noch heute der Stolz des inzwischen über 130 Jahre alten Berliner Ruder-Clubs und haben im „Kaiserzimmer" des Vereinshauses in Berlin-Wannsee, Bismarckstr. 4, ihren Ehrenplatz.

Seit 1883 hatte die „Große Grünauer" des Berliner Regatta-Vereins ihren festen Platz im Kalender des sich mächtig reckenden deutschen Rudersports, der sich im Jahr des erstmaligen sportlichen Streits um den „Kaiserpokal" mit dem in Köln gegründeten Deutschen Ruder-Verband /DRV/ auch den ersten gesamt-nationalen Dachverband für die organisatorischen Einheiten einer spezifischen Sportart gegeben hatte. Dem DRV gehörten bald mehr als 60 Rudervereine aus dem deutschsprachigen Raum an – ein bemerkenswerter Prozentsatz davon auf der Oberspree zwischen Oberbaumbrücke und dem Kratzbruch am Eingang des Rummelsburger Sees. Zu den dort beheimateten  DRV-Mitgliedern gehörte auch die 1887 gegründete „Ruder-Gesellschaft Albatros“, die ihr Domizil in Stralau in der dortigen renommierten Gaststätte „Alte Taverne“ gefunden hatte.  Aber die Einführung des einheitlichen Vorort-Tarifs durch die Königliche Eisenbahn-Direktion Berlin zum 1. Oktober 1891 stimulierte den Drang der Rudervereine in Richtung Köpenick (und darüber hinaus – der 1894 eingerichtete Haltepunkt Hirschgarten lag noch in derselben Tarifzone!) beträchtlich: eine Fahrt von der Berliner Stadtbahn bis zum Haltepunkt Sadowa (heute: Wuhlheide) oder nach Köpenick kostete nur noch ganze 20 Pfennige! Und der Fußweg vom Haltepunkt Sadowa bis zur gleichnamigen Großgaststätte neben der Wuhlemündung bzw. zu dem etwas weiter westlich liegenden „Bootshaus Sadowa“ in der Cöpenicker Str. 9/10 (heute: An der Wuhlheide 208-210) betrug jeweils nur etwa anderthalb Kilometer – kein Wunder also, dass in letzterem gleich mehrere Rudervereine ihre Heimstatt fanden. So auch  der im Juni 1904 von ruderbegeisterten Schülern gegründete mit dem anspruchsvollen Namen „Rudergesellschaft Spreestern“.                                      

„Spreestern“ und „Albatros“ waren,  wie viele Berliner Rudervereine, trotz des legendären Rufs der „Großen Grünauer“ nicht auf Wettkampfsport ausgerichtet, sondern auf Wanderrudern. Sie gehörten dem gemäß dem „Groß-Berliner Wanderruderverband“ an. Die nicht ausbleibenden – weil immanent zur Geschichte deutscher Sportverbände zugehörigen – internen Auseinandersetzungen innerhalb dieses Verbandes veranlassten zu Beginn des 2. Jahrzehnts des 20. Jhs. beide Vereine, sich von diesem Verband zu trennen. Gemeinsame Oppositionshaltung führt in manchen Fällen zur Annäherung an harmonischen Zusammenhalt – und so war es auch in diesem Falle: im Winter 1912/13 rückten  die Ruder-Gesellschaften „Albatros“ und „Spreestern“ so eng zusammen, dass sie sich zur Fusion entschlossen. Zu Beginn der Wanderrudersaison 1913 teilten sie nach im April stattgefundenen getrennten Mitgliederversammlungen der Rudersportgemeinde mittels einer vom 7. April 1913 datierten Anzeige in der Wochenzeitschrift WASSERSPORT mit, dass sie sich „unter dem Namen Ruder-Vereinigung von 1887 E.V. (Albatros-Spreestern) zusammengeschlossen haben.“ Es wurde auch bald klar, weshalb die beiden  fusionierten Vereine sich aus dem Wanderverruderverband gelöst hatten: ihre Aktiven richteten sich deutlicher auf die reichlich angebotenen Wettkämpfe aus, und schon ein Jahr nach der Gründung schob sich die „Rudervereinigung von 1887” mit einem Paukenschlag in die vorderen Ränge des Berliner Wettkampfruderns vor: für den im Mai jedesmal fälligen Auftakt der Berliner Ruderregatten – dem Achter-Rennen auf der Oberspree zwischen Bullenbruch und Rummelsburger See – hatte der Deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm in Fortsetzung der Tradition von 1883, als sein Großvater als seinerzeitiger Kronprinz für die Aussetzung eines „Kaiserpreises” bei der „Großen Grünauer” gesorgt hatte, einen besonderen Wanderpreis für den siegreichen „Mai-Achter” ausgesetzt – und den holten sich 1914 überraschend souverän die 1887’er.

Der Fusionsverein hatte 140 Mitglieder, die nun darauf brannten, an günstigem Ort ein dem Verein angemessenes Grundstück zu erwerben, um dort ein schmuckes Vereinsheim zu errichten. Als idealer Ort bot sich das Köpenicker Becken an, das durch Dampferverbindung nach der Köpenicker Altstadt  ebenso wie durch die Vorort-Stichbahn von Niederschöneweide-Johannisthal nach Spindlersfeld günstig zu erreichen war. In Köpenicks Köllnischer Vorstadt war das Flemming’sche Gut, das dem Köpenicker Becken direkt benachbart war, 1903 in den Besitz des Köpenicker Druckereibesitzers und Verlegers Ernst Rubien übergegangen, der das Gutsgelände in Bauland umwandelte und  zwei Straßen trassierte. die nach der Familie Flemming und dem Vater der Buchdruckerkunst Johann Gutenberg benannt wurden. Am südlichen Ende der Gutenbergstraße hatten die Stadtväter 1906/07 ein Pumpwerk der kommunalen Stadtentwässerung installiert, was bei Investoren, die auf den Bau von Miethäusern fokussiert waren, Zurückhaltung bewirkt hatte. Daher war das als Doppelgrundstück ausgewiesene Areal direkt neben der Pumpstation zu einem vorteihaften Preis zu haben – und der Vorstand der „Rudervereinigung von 1887” schlug zu: um die Jahreswende 1913/14 ging es in deren Besitz über.

Einem mitgliederstarken Verein stand natürlich auch ein entsprechend repräsentatives Domizil zu.. Deshalb orientierte sich die Bauplanung an dem Bootshaus des renommierten Rudervereins „Brandenburgia” in  Oberschöneweide und kündigte im Fachorgan „Rudersport” an, dass in dem zu errichtenden zweigeschossigen Bau das Erdgeschoss als Bootshalle mit 80 Bootsständen dienen werde, während im Obergeschoss ein Festsaal, Vorstandszimmer, diverse Vereinsräume, mietbare Übernachtungsgelegenheiten und die Wohnung für den Bootshauswart ihren Platz finden würden...

Der vom militärischen und politischen Führungspersonal der deutschen Eliten ausgelöste Erste Weltkrieg machte einen dicken Strich durch diese Planung. Es muss schon als Leistung angesehen werden, dass das Vorhaben, auch unter den Bedingungen des Kriegsalltags auf dem erworbenen Grundstück eine Unterkunft für Sportler und deren Sportgerät zu schaffen – wenn auch im erheblich verkleinerten Umfang – überhaupt durchgesetzt wurde; denn die bei Kriegsausbruch vorherrschende Euphorie, da komme ein kurzer und siegreicher Krieg auf „Mutter Germania” zu, war schon zu Weihnachten 1914 im Schlamm der Schützengräben versunken. Und als dann am Sonntag, dem 4. Juli 1915, die heute noch stehende Bootshalle und eine bescheidene hölzerne Vereinsbaracke eingeweiht wurden, war allen Anwesenden schmerzlich bewusst, dass der Krieg bereits Vereinskameraden gefressen hatte, und dass von neun Mitgliedern, die im Mai 1914 beim Maiachterrennen die Siegespalme eingefahren hatten, bereits drei den – wie der Verein der deutschen Rudergemeinde in Traueranzeigen kundtat  – „Heldentod für’s Vaterland” erlitten hatten. Die Liste gefallener Vereinskameraden veränderte sich bis zum November 1918 weiter. Dass ihrer auf einem in den zwanziger Jahren auf dem Vereinsgelände aufgestellten Gedenkstein gedacht wurde, hat auch in diesem Verein eine erkleckliche Anzahl Sportler nicht davon abhalten können, bei Wahlen vor 1933 die Warnung in den Wind zu schlagen: „Wer Hitler wählt, der wählt den Krieg!”

Die 1914 bis 1918 eingefahrene deutsche Niederlage im Krieg  war allerdings nicht mit der zu vergleichen, in die 1939 bis 1945 das NS-Regime unser Volk führte. Das deutsche Staatsgebiet präsentierte sich 1918 als kaum vom Kriege berührt. Schon ab Sommer 1919 konnte in den Bootshäusern wieder der in der Vorkriegszeit übliche Sportbetrieb ablaufen. 1921 meldete die RVg von 1887 92 Mitglieder und einen Bootsbestand von zwei Achtern, zwei Vierern, elf Gigs, zwei Motorbooten und 20 Privatbooten. Schon 1923 wurde ein erster Um- und Erweiterungsbau des Pavillons von 1915 durchgeführt, der einen größeren Versammlungraum schuf. Möglicherweise war es die in den Nöten der Inflation besonders fühlbare finanzielle Belastung, die im selben  Jahr den Gedanken reifen ließ, sich als dicht bei Spindlersfeld angesiedelter Verein  mit dem benachbarten Spindlersfelder Ruderverein zu vereinigen. Das Vorhaben scheiterte am Widerstand innerhalb der „1887’er”, brachte andererseits aber auch eine Reihe von Austritten.

Der große Wurf einer allseits Zufriedenheit auslösenden Vereinigung kam dann 1929, als der Ruderverein „Jahn Neukölln” (aus der 1913 gegründeten Ruderriege des gleichnamigenTurnvereins hervorgegangen) wegen einer Fusion anfragte und bereit war, neben seinen Mitgliedern und Sportbooten den Erlös aus dem Verkauf seines Bootshauses auf dem Grundstück Oberschöneweide, An der Wuhlheide 208-210, in das Vermögen des neu aus der Taufe zu hebenden Fusionsvereins einzubringen. Bei Zusammenrechnung von der „Jahn” eingebrachten Summe mit dem während des Wirtschaftsaufschwungs 1924 -1928 angesparten Finanzpolster konnte nun auch die Verwirklichung des Bauprojekts von 1914 in Angriff genommen werden – wenngleich nicht nach dem 1914 ins Auge gefassten  aufwändigen architektonischen Design: als 1931 der in festem Mauerwerk ausgeführte zweigeschossige Bau eingeweiht wurde (dessen Grundriss dem heutigen entsprach und auch in der Raumaufteilung Akzente für die Gegenwart setzte), zeigte er doch unverkennbar, dass der nüchterne Bauhausstil in Deutschland – und besdonders in Berlin! –  einen festen Platz bei allen Nutzbauten erobert hatte.

Um die Vereinigung perfekt zu machen, hatte man sich – analog zu dem Fusionsvorgang von 1913 – einen neuen Namen gegeben: man einigte sich auf  „Rudervereinigung Jahn 1887”. Dem trat dann auch noch ein später Ableger der einstigen  RG „Spreestern” bei, der sich  im Februar 1919 – vielleicht aus einstigen Mitgliedern derselben – als Ruderclub  „Spreestern” in Niederschöneweide konstituiert hatte. Anfangs der 1930er Jahre zählte „Jahn 1887” 102 Mitglieder (inclus. eigene Jugendabteilung von 16 Kameraden), die eine beträchtliche Flotte vorweisen konnten:  fünf Rennruderboote, 19 Gigs, zwei Segelboote, 24 private Ruderboote, zwei private Kanadier. Bis zum Vorabend des neuen Weltkrieges veränderte sich die Zahl der vereinseigenen Boote nicht, aber  es war – der zunehmenden Motorisierung entsprechend – die Zahl der privaten Ruderboote um zehn gesunken, wohingegen sich vier Motorboote an den Anlegestegen wiegten.

Waren die Namen der 1914 -1918 dem Krieg zum Opfer gefallenen Vereinskameraden noch auf einem schlichten Stein unterzubringen gewesen, so hätte es nach 1945 mehrerer Steine bedurft: anders als nach 1918 traute sich niemand mehr eine entsprechende Statistik zu. Von den heute weniger als sieben volle Lebensjahrzehnte Zählenden macht sich kaum jemand eine Vorstellung von dem Zustand, in den der vom NS-Regime entfesselte Zweite Weltkrieg mit seinem Verlauf und seinem katastrophalen Ende das Berliner Sportleben gestürzt hatte: abgesehen von den enormen materiellen Verlusten an Sportausrüstung und Sportanlagen und dem zu betrauernden Tod vieler namhafter Sportler als Opfer des Krieges brach auch das organisatorische Gerüst der Sportverbände total zusammen, denn das oberste Regierungsorgan des alliierten Besatzungsregimes, der Alliierte Kontrollrat, löste durch sein Gesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945 alle deutschen Sportvereine als angebliche Unterorganisationen der NSDAP auf. Er beschlagnahmte deren Vermögen und wies es der jeweiligen Besatzungsmacht zu. Sport konnte nur auf der Basis von Zweigstellen der kommunalen Sportämter betrieben werden: jede Sportgruppe war also als kleine Abteilung der Kommunalverwaltung (d.h. in Berlin: des Bezirksamts) anzusehen. Darüber hinaus waren durch die in Berlin bestimmende 4-Mächte-Stadtkommandantur  seit November 1945 einige Sportarten wegen ihrer gefährlichen Nähe zu vormilitärischer Ausbildung  ganz einfach verboten, z.B. Motorradsport, Boxen, Fechten, Segeln, auch Rudern – natürlich ein Blödsinn, der dann aber, wohl wegen des darob entstandenen weltweiten Gelächters, nur wenig mehr als ein halbes Jahr (bis zu einem neuen Beschluss der Alliierten Kommandantur Ende Mai 1946) Bestand hatte. Nun fanden sich in den Bootshäusern – soweit sie nicht von einer der vier Besatzungsmächte besetzt waren – wieder Mitglieder der ehemals dort angesiedelten Vereine ein und nahmen eine Bestandsaufnahme vom Zustand des Gebäudes, der Innenausstattung und des Bootsbestandes vor. Die konnte sehr unterschiedlich ausfallen, und die Gründe für den Vandalismus gegen das dort gelagerte Bootsmaterial konnten sehr vielfältig sein. So nimmt es nicht Wunder, dass die Anfänge eines wieder in Gang gesetzten Rudersportbetriebes (und sogar die zaghafte Wiederaufname ruderischer Wettkämpfe:
im Sommer 1946 lief in Schmöckwitz die erste Nachkriegs-Ruderregatta ab!)
von Mühsal begleitet waren. Da konnten die Ruderenthusiasten von „Jahn 1887“ in mehrfacher Hinsicht von Glück sagen: sie fanden ihr Vereinshaus in der Gutenbergstraße nur in erträglichem Maße beschädigt, ihre Bootshalle unzerstört und selbst einen Teil ihrer Boote vor. Letzteres war recht selten, denn was nicht von der Wehrmacht absichtlich zerstört worden war – um die Verteidigungsfähigkeit der „Bastion Berlin“ zu erhöhen! – war häufig genug dem Vandalismus der Rotarmisten oder deutschen Plünderern zum Opfer gefallen. Gutenbergstr. 4/5 dagegen war schon im Juni von der örtlichen Besatzungsbehörde an die in deren Auftrag sich formierende Berliner Polizei übergeben worden, damit sich dort die Abteilung Wasserschutz niederlasse. Es  diente als deren „Revierstützpunkt Köpenick“, was immerhin den Vorteil einbrachte, dass die Bombenkriegsschäden über die Jahre von den Wasserpolizisten sukzessive beseitigt wurden. 1950 wurde der operative Stützpunkt, um der kürzeren Anfahrwege willen, nach Schmöckwitz verlegt.

Als  Mitglieder von „Jahn 1887“ sich im Sommer 1946 wieder in ihrem Vereinsheim einfanden, teilten sie sich Vereinsgelände und Vereinsheim auf vernünftiger Basis mit den Polizisten: im Clubhaus residierte im Obergeschoss die Dienststelle, das Untergeschoss nutzten die Sportler. Letztere konstituierten sich als kommunale „Rudergruppe Köpenick I“ und widmeten sich zunächst dem Wanderrudern, traten aber mit ihren Gigbooten auch schon 1948 wieder bei Wettkämpfen an. Im April 1947 ließ die Alliierte Kommandantur Berlin wieder unpolitische (und damit auch Sport-) Vereine zu, und Hertha BSC  oder auch Wasserfreunde Spandau 04 erlebten ihre Wiederauferstehung. Im Berliner Sowjetsektor verzögerte die Besatzungsmacht jedoch die Wieder- oder Neuzulassung von Sportvereinen, bis eine Neuorganisation der Sportstruktur für das sowjetische Besatzungsgebiet mit der von FDJ und FDGB betriebenen Gründung des Deutschen Sportausschusses im Herbst 1948 eingeleitet worden war. Erst nach der Konstituierung des Landessportausschusses Berlin (real tätig allerdings nur in Ost-Berlin) im Februar 1949 konnten Ostberliner Sportvereine neu oder erneut erstehen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die „Rudergruppe Köpenick I“ auf dem Vereinsgelände auch eine erkleckliche Anzahl von Mitgliedern anderer Rudervereine versammelt hatte, nannte sie sich seit dem Frühjahr 1949  „Wassersportvereinigung Cöpenick“. Als zum Ende 1949 der Deutsche Sportausschuss sich auf eine neue vorrangig zu verfolgende Linie seiner sportorganisatorischen Politik festlegte und nach sowjetischem Vorbild die Träger der Sportvereine nicht mehr in deren Mitgliedern und ihren Beiträgen, sondern in zu Betrieben gehörenden und von diesen finanzierten Betriebssportgemeinschaften /BSG'en/ sah (ergänzt durch selten gewährte Ausnahmen in Form territorial verankerter Sportgemeinschaften – SG'en) – da begann in die WSVg Cöpenick . Unruhe einzuziehen. Denn die Umwandlung der Sportvereine in Sportsparten der inzwischen volkseigen gewordenen Betriebe (VEB) wurde vom Ostberliner Landes-Sportausschuss unter koordinierter Anleitung durch den Berliner Landesvorstand der SED stabsmäßig organisiert, wozu in jeder Sportart ein Pilotobjekt  ins Auge gefasst wurde. Das war nun für den Bereich Rudersport gerade die  „Wassersportvereinigung Cöpenick“, deren Mitglied Gerhard Gralla – altes Mitglied von „Jahn 1887“ – ein überzeugter SED-Genosse und ein glühender Anhänger des Konzepts „Strukturierung des Sports nach Wirtschaftsbranchen, und innerhalb derselben in BSG’en“ dazu ausersehen wurde,  den entsprechend zu propagierenden markanten Anstoß zu geben, einen gemeinnützigen Sportverein in eine BSG umzuwandeln: er setzte es mit Unterstützung von wenigen Gleichgesinnten handstreichartig durch, dass die WSVg Cöpenick dem Angebot des Kabelwerks Köpenick (KWK) folgte, als Sektion seiner BSG Kabelwerk Köpenick (1950 Mechanik Köpenick, 1951 dann Motor Köpenick) unter die Fittiche des Betriebes KWK zu schlüpfen. Wie anderwärts auch, war ein beträchtlicher Teil – in diesem Fall sogar die überwiegende Mehrheit! – der  Mitglieder jedoch empört über die Zumutung, aus ihrer Stellung als eigenständiger Verein in eine Reihe mit anderen Sportarten als bloße „Sektion“ zu rücken und zudem einen  BSG-Vorstand vor die Nase gesetzt zu bekommen, den sie – jedenfalls vordergründig – als Erfüllungsgehilfen der VEB-Direktion und der Betriebsparteileitung der SED sahen. Diese Sportler, die auf die Tradition als  selbständiger Verein pochten und zumeist die Vergangenheit als „Jahn 1887“ im Sinn  hatten, kehrten dem zur Sektion Rudern der BSG Mechanik Köpenick mutierten Verein den Rücken und konstituierten sich in West-Berlin unter dem bis 1945 gewohnten Vereinsnamen „RVg Jahn 1887“. Das wurde vielfach dadurch vereinfacht, dass die Verwaltungsakten aller Berliner Vereine schon seit kaiserlichen Zeiten in der Dienststelle „Vereinsregister“ beim Amtsgericht Charlottenburg angesiedelt waren. Hatten die juristischen Grundlagen der Vereine dort den Zweiten Weltkrieg überlebt, dann musste man nur anmelden, dass man wieder präsent sei und hatte einen neu gewählten Vorstand vorzuweisen!  Auf diese Art wechselten 1950 bis 1953 vielfach Namen Ostberliner Sportvereine in die Westreviere, und man findet im Berliner Sportwesen noch heute Überbleibsel dieser Vorgänge, die an den innerdeutschern Kalten Krieg erinnern – etwa in der Tatsache, dass der „Yachtclub Müggelsee“ jetzt auf der Insel Lindwerder in der Unterhavel  angesiedelt ist. Schwieriger gestaltete sich für die Auferstandenen schon ihre Neuansiedlung auf einem eigenen Areal, auch wenn sie durch finanzielle Zuschüsse des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen gestützt wurden.

„Jahn 1887“ fand zunächst Asyl bei dem RC Tegelort, konnte sich dann aber bald an der Havelschenke unter der Freybrücke ansiedeln, bevor er 1955 zur Scharfen Lanke in die Nachbarschaft von  „Hellas-Titania“ auf ein eigenes Vereinsgelände umzog. Der Verein spielte im Westberliner Rudersport eine Rolle und bilanzierte in der Festschrift zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1962 seine wechselvolle Vergangenheit ebenso als Grund zum Stolz wie auch als Grundlage für einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Doch verhinderte Optimismus nicht, dass sich Sachzwänge als Argument wirkungsvoller erwiesen: schon ein Jahr nach seinem 75. Geburtstag schlüpfte „Jahn 1887“ zusammen mit anderen Rudervereinen unter das Dach von „Hellas-Titania“.

Die in Publikationen der Exil-Vereine zu ihrer Geschichte häufig anzutreffende Klage über die ihnen widerfahrene Enteignung  blieb auch in der Festschrift von 1962 nicht aus. Sie benennt allerdings, wie durchweg üblich, nicht die juristische Basis der Enteignungen im Sportbereich – das alliierte Besatzungsrecht mit seiner Fehlinterpretation, die deutschen Sportvereine insgesamt als Glieder der NSDAP anzusehen!

In der Gutenbergstr. 4/5 war die Besitzfrage bald nach dem Auszug der Wasserpolizei juristisch geklärt worden: die von den Ostberliner Bezirksämtern verwalteten sequestrierten Sportstätten waren 1948 einer neu geschaffenen „Jugendheim GmbH“ der FDJ zugewiesen worden, deren Dilettantismus jedoch nach anderthalb Jahren nach einer Auflösung schrie. Die Ostberliner Bootshäuser, die ja alle in den Bezirken Köpenick und Treptow lagen, gelangten nun – 1950 – in die Hände der bei beiden Bezirksämtern eingerichteten Bootshausverwaltungen, die auch für deren Er- und Unterhalt sorgen sollten – aber diese Verantwortung nur zu gern oft an die in der Pflicht stehenden Trägerbetriebe abtraten; da eine staatliche Vorgabe diesen abverlangte, dass sie 5 Prozent ihres Gewinns in einen Kultur- und Sozialfonds einzubringen hätten, waren sie für solche Zwecke im Allgemeinen finanziell gut ausgestattet und verfügten dank trickreicher Bilanzierungen auch oft genug über das stets knappe Baumaterial. Ende 1950 wurde in den Grundbüchern unter die seit Herbst 1945 geführte Debatte um die rechtliche Einordnung des seinerzeit sequestrierten Vermögens ein Schlussstrich gezogen: als Besitzstand der Bootshausgrundstücke wurde VOLKSEIGENTUM eingetragen.

Die Sektion Rudern der BSG Motor Köpenick verkraftete die Abkehr vieler alter „Jahn 1887’er“ zunächst nur mühsam: das Jahr 1950 sah nur mehr Wanderrudern als sportliche Betätigung – an die traditionelle INTERNE war nicht zu denken.  Erst allmählich wurde die Mitgliederzahl wieder gesteigert – und das vornehmlich durch die Öffnung gegenüber dem weiblichen Geschlecht: das bis dato auf dem Grundstück Gutenbergstr. 4/5 verpönte Frauenrudern hielt im Zuge der Werbung neuer Adepten des Rudersports 1950 seinen Einzug! Und da zeigte sich überraschend überzeugend der Vorteil der Zugehörigkeit zu einer Betriebssportgemeinschaft: KWK baute prompt einen Frauen-Umkleideraum und eine Damentoilette in das Bootshaus ein! Ab 1951 entwickelte sich der Rudersport auf diesem Gelände dank des Zustroms junger Mitglieder so prächtig, dass Motor Köpenick im Rudersport an Spree und Dahme als sowohl mitglieder- als auch leistungsstark galt. So lockte er auch die auf der Rohrwallinsel nahe der Müllerecke beheimateten Ruderer der BSG Motor Grünau (Trägerbetrieb: Yachtwerft Köpenick) an, die sich unter seinem Dach einfanden. Für einen solchen Verein schien das Bootshaus in der Gutenbergstraße zu klein, und so siedelten die Ruderer von Motor Köpenick  im Herbst 1953 in das von der Sowjetarmee frei gegebene Bootshaus Nixenstr. 2 in Oberschöneweide um. In die Gutenbergstraße zog nun die Rudersektion der BSG Fortschritt Berlin ein. Die war der Initiative eines einstigen Mitgliedes vom BRC entsprungen – Erich Ryba, der im VEB für Damen- und Herrenkonfektion „Fortschritt“ in Lichtenberg arbeitete und im Januar 1952  aktive Ruderer und an Rudern Interessierte unter den Betriebsangehörigen zusammenrief zur Gründung einer Rudersektion im Rahmen der schon bestehenden BSG Fortschritt Berlin. Das materielle Stammkapital der jungen Sektion bestand zunächst in drei Booten – einem Gig-Doppelzweier, einem Gig-Doppelvierer und einem Gig-Riemenvierer . Schon bei Gelegenheit des Anruderns in Grünau am 6. April 1952 kam ein Neubau in Gestalt eines Doppelvierers m. St. hinzu, der zu den vom Ostberliner Magistrat gestifteten Wassersport-Fahrzeugen gehörte und in passender Weise den Namen „Fortschritt" erhielt. Heimstatt der neuen Sektion war das Erholungsheim des VEB in Hessenwinkel, wo sich auch ihre materielle Erstausstattung angefunden hatte. Der Zustrom zur neuen Rudersektion – in allererster Linie junge Frauen –  brachte sehr bald Probleme hinsichtlich der Unterbringung im Hessenwinkeler Betriebsheim, die darüber hinaus unter der komplizierten Verkehrsverbindung dorthin litt. So übersiedelte die in doppelter Hinsicht junge Sektion  zum 1. Juni 1952 in ein Bootshaus nach Oberspree. Im Mai des nächsten Jahres stellte der Betrieb ein ihm von der Bootshausverwaltung Köpenick zugewiesenes Bootshausgrundstück in der Weiskopfstr. 13a in Oberschöneweide zur Verfügung – nur stach das Areal dem Pionierpark „Ernst Thälmann" ins Auge und wurde so dem Rudersport alsbald wieder entfremdet. Die „Fortschritt”-Ruderer bekamen als Ersatz das von BSG Motor Köpenick gerade geräumte Grundstück Gutenbergstr. 4/5 zugesprochen, wo sie sich – auch dank der exzellenten Verkehrsanbindung – schnell heimisch fühlten und bei meist guter Laune lebten, webten und strebten.

Unter dem Vereinsnamen BSG Fortschritt figurierte das Gelände für die nächsten neun Jahre, dann verkündete ein Schild am Eingang des Areals, dass hier die Sektion Rudern der BSG Lok Oberspree ihr Quartier hatte, deren Trägerbetrieb die Reichsbahndirektion Berlin war. Schon 1969 wechselte die Inschrift erneut und wies als Nutzer die BSG Einheit Centrum auf – die BSG der Direktion Berlin der staatlichen DDR-Versicherungsanstalt. 1976 wechselte dann wieder einmal die Zuständigkeit: der VEB Stromverbundnetz mit seiner BSG Energie Berlin nahm die auf dem Grundstück Gutenbergstr. 4/5 ansässige Sportlergemeinde in seine Obhut.
Dem Rudersport und dem Gemeinschaftszusammenhalt schadete dieser relativ häufige Wechsel in der sportorganisatorischen Zugehörigkeit nicht. Im Bootshaus und auf dem dies umgebenden Gelände entwickelte sich ein Ruderverein mit lebendigem Sportbetrieb, der kontinuierlich Erfolge im Wettkampf-, Freizeit- und Wanderruderbetrieb verbuchen konnte. Seit den sechziger Jahren formte er sich zum Trainingszentrum für Schülerinnen und Schüler aus, die von ihm her zu dem Leistungszentrum TSC Berlin (ab 1969 SCBG) gelangten und später in der Kernmannschaft des Deutschen Rudersport-Verbandes der DDR Siegeslorbeer bzw. beachtliche Platzierungen von internationalen Auftritten heimbrachten. Das naturgegebene Spannungsverhältnis zwischen den auf Wanderrudern und auf lediglich regionale Leistungsvergleiche orientierten Mitgliedern und den im Leistungstraining getrimmten „hoffnungsvollen Nachwuchstalenten“ blieb stets im erträglichen Rahmen, weil die auf Leistung bestehenden Trainer fest in die konstant um die Zahl hundert schwankende Mitgliedschaft eingebunden waren und sich kontinuierlich auch an den außersportlichen Aktivitäten des „Vereins“ beteiligten – wie die Mitglieder ihre Gemeinschaft intern stets unabhängig von den organisationsstrukturell vorgegebenen amtlichen Bezeichnungen nannten.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR lag dort  auch eine Neustrukturierung des organisatorischen Rahmens im Sport nahe. Die übergroße Mehrzahl der BSG’en löste sich von ihren Trägerbetrieben und konstituierte sich als eigenständiger Sportverein. Auf diesem Wege entstand auch im Sommer 1990  – also schon vor der Deutschen Vereinigung – der Sportverein Energie Berlin mit seinem juristischen Sitz in Neuenhagen. Ihm schlossen sich bisherige Sektionen als „Abteilungen“ an – so auch die Ruderer.

Denen war die Bindung an den Gesamtverein ENERGIE soviel wert, dass sie den Weg einer Wiederbegründung der „RVg Jahn 1887“ ausschlossen, der sich theoretisch über die Berufung eines Not-Vorstandes durch das Alt-Mitglied „Schulli“ Lehmann (Eintrittsjahr 1933) angeboten hätte. Dagegen besann sich die „Rudervereinigung Hellas-Titania“ in Spandau,  dass der Verein ja Rechtsnachfolger der in ihm aufgegangenen „RVg Jahn 1887“ sei und stellte dem gemäß beim Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen den Antrag auf Restitution von Gelände und Gebäude auf dem Grundstück Gutenbergstr. 4/5. Nach dem darauf erfolgten positiven Entscheid im Jahre 1999  hat sich  HELLAS-TITANIA  als ein großzügiger, zuvörderst an den Interessen des Berliner Rudersports orientierter Eigentümer erwiesen, der u. a. auch die Komplettsanierung des Gebäudes im neuen Jahrtausend verständnisvoll begleitet hat. Seine Vertreter sind daher zu Recht von Herzen gern gesehene Gäste auf unserer heutigen Festveranstaltung.